Mit dem Grad der Verarbeitung von Lebensmitteln steigt das Risiko für Krebserkrankungen!

Werte Kolleginnen und Kollegen,

heute habe ich wieder einmal einen Artikel außerhalb der Intensivmedizin und auch außerhalb der Pneumologie für Sie! Das Thema Ernährung ist allerdings wiederum doch nicht so weit von der Intensivmedizin entfernt, wenn man bedenkt, wie lückenhaft unser Wissen zu diesem Thema ist und wie wenig Berücksichtigung die individuelle Ernährung unserer Patienten auf der Intensivstation erfährt. Genau genommen gilt dies für jeden Aufenthalt im Krankenhaus: über ein vegetarisches Menü, das zumeist weit davon entfernt ist gesund zu sein, kommen wir in der Regel nicht hinaus. Wenn Sie als ein Patient, der sich wirklich in allen Belangen gesund ernährt, im Krankenhaus behandelt werden müssen, wird das zur Verfügung gestellte Angebot weit von einer gesunden Ernährung entfernt sein – ähnlich weit wie das Verständnis der meisten Ärzte und Pflegekräfte für diese Patienten und ihre Wünsche sich gesund zu ernähren! Aus diesem Grund, aber auch aus ganz persönlichen Beweggründen, empfinde ich den hier aufgeführten Artikel von Ute Eppinger in Medscape vom 22.02.18 als interessant!

Die aktuell im British Medical Journal erschienene Kohortenstudie NutriNet-Santé liefert Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Aufnahme von stark verarbeiteter Nahrung und der Entstehung von Brust-, Prostata- und Darmkrebs [1]. Dr. Thibault Fiolet vom Epidemiology and Statistics Research Center der Sorbonne in Paris und seine Kollegen haben 104.980 gesunde französische Erwachsene auf ihre Ernährungsgewohnheiten hin untersucht. Sie fanden heraus, dass eine 10%-ige Erhöhung des Anteils von stark verarbeiteten Lebensmitteln in der Nahrung das generelle Krebsrisiko um 12% und das Brustkrebsrisiko um 11% erhöht. Für Prostata- und Dickdarmkrebs wurden keine signifikanten Assoziationen gefunden.

„Die Arbeit von Fiolet et al. ist gut gemacht, und die Ergebnisse geben wirklich zu denken“, kommentiert Dr . Tilman Kühn die Studienergebnisse. Kühn ist Leiter der Arbeitsgruppe Ernährungsepidemiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Er gibt aber zu bedenken, dass eine Kausalität zwischen stark- und ultra-verarbeiteten Lebensmitteln und Krebs damit noch nicht bewiesen ist, denn schließlich handelt es sich um eine Beobachtungsstudie, bei der sich Störfaktoren nicht ausschließen lassen.

Fiolet und seine Kollegen ließen Probanden (22% Männer, 78% Frauen, medianes Alter 43 Jahre) mindestens zwei 24-Stunden-Online-Fragebögen zur Ernährung ausfüllen. Die Bögen gaben Auskunft über die Aufnahme von 3.300 verschiedenen Nahrungsmitteln. Sie teilten die Aufnahme von stark verarbeiteten Nahrungsmitteln – je nach Anteil an der Ernährung – in 4 Gruppen ein. Die Lebensmittel wurden nach dem Grad der industriellen Verarbeitung gruppiert, Krebsfälle wurden anhand von Erklärungen der Teilnehmer identifiziert, und durch medizinische Aufzeichnungen und nationale Datenbanken über einen Zeitraum von durchschnittlich 5 Jahren validiert. Bekannte Risikofaktoren für Krebs – wie Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, familiäre Vorgeschichte von Krebs, Raucherstatus und körperliche Aktivität – wurden berücksichtigt.

Zu den stark verarbeiteten Lebensmitteln zählten verpackte Backwaren und Snacks, kohlensäurehaltige Getränke, zuckerhaltige Getreideprodukte, Fertiggerichte und zusammengesetzte Fleischprodukte – oft mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt, aber ohne Vitamine und Ballaststoffe. Die Studienautoren nehmen an, dass diese Lebensmittel bis zu 50% der gesamten täglichen Energiezufuhr in vielen Industrieländern ausmachen.

Assoziationen mit Brustkrebsrisiko

Die Aufnahme von stark verarbeiteter Nahrung war mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden: Die Hazard Ratio (HR) lag bei einer um 10% erhöhten Aufnahme von hochverarbeiteten Lebensmitteln in der Ernährung bei 1,12 (95%-Konfidenzintervall: 1,06-1,18; p < 0,001). Für Brustkrebs lag die HR bei 1,11 (95%-KI:1,02-1,22; p = 0,02).

Vor allem stark verarbeitete Fette und Saucen (p = 0,002) sowie zuckerhaltige Produkte (p = 0,03) und Getränke (p = 0,005) waren mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert. Bei erhöhtem Brustkrebsrisiko lag eine Assoziation mit stark verarbeiteten zuckerhaltigen Produkten vor (p = 0,006).

„Weitere Tests ergaben keinen signifikanten Zusammenhang zwischen weniger verarbeiteten Lebensmitteln (wie Gemüsekonserven, Käse und frisch gebackenes unverpacktes Brot) und dem Krebsrisiko“, schreiben die Studienautoren. Hingegen sei der Verzehr von frischen oder minimal verarbeiteten Lebensmitteln (Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Reis, Nudeln, Eier, Fleisch, Fisch und Milch) mit einem geringeren Risiko für Krebs und Brustkrebs verbunden gewesen.

Mehr frische Lebensmittel

Fiolet und Kollegen betonen, dass weitere Arbeiten erforderlich sind, um die Auswirkungen der verschiedenen Verarbeitungsstufen besser zu verstehen. Sie schlagen aber schon jetzt vor,

  • die Rezepturen von Produkten zu überdenken,
  • Produkte entsprechend zu kennzeichnen,
  • sie anders zu besteuern und
  • auch über Vermarktungsbeschränkungen für stark verarbeitete Produkte nachzudenken.

Gleichzeitig könnte die Förderung frischer oder minimal verarbeiteter Lebensmittel zur Krebsprävention beitragen.

„Unseres Wissens nach ist unsere Studie die erste, die eine Erhöhung des Risikos von Brustkrebs im Zusammenhang mit stark verarbeiteter Nahrung untersucht und hervorhebt“, schreiben Fiolet und seine Kollegen. Sie fügen hinzu: „Zwar sind weitere Untersuchungen notwendig, aber die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der rapide steigende Konsum von stark verarbeiteten Lebensmitteln in den nächsten Jahrzehnten zu einer zunehmenden Krebsbelastung führen kann.“

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lassen sich keine eindeutigen Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung ziehen – darauf verweisen auch die Studienautoren.

Bessere Kennzeichnung von Nahrungsmitteln?

Kühns Einschätzung nach haben Fiolet und seine Kollegen auf die bestmögliche Art und Weise versucht, den Einfluss von Confoundern so weit wie möglich zu verringern: „Die Analysen wurden in den Subgruppen wiederholt – beispielsweise in der Gruppe der Nichtraucher und in der Gruppe der normalgewichtigen, schlanken Studienteilnehmer. Und in all den Subgruppen zeigte sich dieser Zusammenhang zwischen der Aufnahme stark verarbeiteter Nahrung und erhöhtem Krebsrisiko. Das ist sehr sauber gearbeitet und überzeugend“, betont Kühn.

Das Neue an der Arbeit von Fiolet und seinen Kollegen sei: „Die französische Studie bildet die gegenwärtigen Ernährungsgewohnheiten gut ab. Und die enthalten reichlich hoch- und ultra-verarbeitete Produkte“, erklärt Kühn. Er sieht die Studie im Zusammenhang mit dem Vorhaben Frankreichs, die Inhalts- und Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln generell besser zu kennzeichnen. „Es ist wünschenswert, dass das auch in anderen Ländern passiert und dass noch mehr solcher Studien gemacht werden.“

Welche Stoffe für das erhöhte Krebsrisiko verantwortlich sind, steht noch nicht fest.

Im begleitenden Editorial schreiben Dr. Martin Lajous und Dr. Adriana Monge vom National Institute of Public Health in Mexiko, dass die Studie „einen ersten Einblick in eine mögliche Verbindung zwischen stark verarbeiteten Lebensmitteln und Krebs bietet“ [2]. Sie fahren fort: „Wir sind aber noch weit davon entfernt, die vollen Auswirkungen der Lebensmittelverarbeitung auf Gesundheit und Wohlbefinden zu verstehen.“

Die Editorialisten kommen zu dem Schluss: „Die Stärken und Grenzen dieser neuesten Analyse sollten der Öffentlichkeit vermittelt und das Verständnis für die Komplexität der Ernährungsforschung sollte geweckt werden.“

Auch Kühn betont, dass es noch zu früh ist, um aus den Ergebnissen konkrete Empfehlungen für die Praxis abzuleiten. Dazu sollten weitere Studien und konsistente Befunde vorliegen.

Noch ein Stück weit offen bleibt auch, welche Stoffe genau für das erhöhte Krebsrisiko verantwortlich sind „Die Autoren schreiben selbst, dass das noch nicht geklärt ist und noch besser in Tiermodellen erforscht werden muss.“ Diskutiert würden beispielsweise Titan-Dioxid- und Nano-Partikel. Sollte sich ein kausaler Zusammenhang herstellen lassen, hätte dieser wohl auch Einfluss auf die Zulassung dieser Stoffe zur Verarbeitung von Nahrungsmitteln.

„Durch die Studie kommt aber eine Diskussion ins Rollen, das ist begrüßenswert“, schließt Kühn.

Und genau das denke ich auch! Und ich denke, dass jeder, auch ohne weitere wissenschaftliche Untersuchungen, für sich selbst sehr gut ableiten kann, wie diese Erkenntnisse seine eigenen Ernährungsgewohnheiten beeinflussen sollen!

Mit kollegialen Grüßen

Ihr Harald Keifert

REFERENZEN:

1. Fiolet T, et al: BMJ (online) 14. Februar 2018

2. Monge A, et al: BMJ (online) 14. Februar 2018

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