Irrtümer zum Thema Grippe

Liebe Leserinnen und Leser,

das Thema ist nicht neu! Eine Grippe ist harmlos und Impfungen führen häufig zu neurologischen Erkrankungen und lebenslanger Behinderung! Diese Meinung wird von zahlreichen medizinischen Laien vertreten. Unstrittig kann eine Grippe harmlos sein und ebenso unstrittig ist es, dass Impfungen zu problematischen Komplikationen führen können! Dennoch . . .

Wichtig ist eine gezielte, ehrliche, verständliche und auch verständnisvolle Aufklärung, die Sorgen und Nöte aufmerksam wahrnimmt und trotzdem auf das erhebliche Infektionsrisiko und seine Folgen hinweist. Hier finden Sie fünf Irrtümer, die Sie in Aufklärungs- und Informationsgesprächen ansprechen sollten.

Ihr Harald Keifert

Artikelquelle: Medscape Medicine 16.01.19

Irrtum 1: Eine Grippe ist harmlos.

Die Vorstellung, dass eine Influenza-Infektion mild und somit „kein Problem“ sei, ist ziemlich weit verbreitet. Ein Teil des Missverständnisses besteht darin, dass mit dem Wort „Grippe“ verschiedene Krankheiten von der Erkältung oder Gastroenteritis bis hin zur tatsächlichen, im Labor bestätigten Influenza-Infektion benannt werden. Leider hat die weite Verbreitung des Begriffs „Grippe“ schließlich dazu geführt, dass die Grippe fälschlicherweise oft nicht mehr als potentiell schwere Krankheit aufgefasst wird. Dies wird noch durch den Umstand verschärft, dass die Grippe mitunter tatsächlich mild verlaufen kann und nicht mit dem klassischen Syndrom aus rasch ansteigendem Fieber, Myalgie, Schwäche, Schüttelfrost und starker Abgeschlagenheit verbunden ist.
Diese Argumente können Sie Ihren Patienten mit auf den Weg geben:

  • Große Unterschiede im Verlauf: Die Ausprägung einer Grippe reicht von einer leichten Erkrankung bis zur tödlich verlaufenden Infektion.
  • Die Schwere der Erkrankung hängt von dem aktuell zirkulierenden Influenza-Stamm sowie von den individuellen Faktoren des Patienten ab, wie z.B. bestehende Vorerkrankungen, Alter, frühere Influenza-Exposition, Impfstatus und allgemeiner Gesundheitszustand.
  • Hohe Mortalität: Die epidemiologischen Daten belegen jedoch, dass Influenza-Infektionen nicht ungefährlich sind. Nach WHO-Schätzungen beläuft sich die jährliche Zahl der Opfer weltweit durch eine Influenza auf ein Viertel bis eine halbe Million Menschen. In Deutschland gab es in der letztjährigen Saison allein 334.000 labordiagnostisch bestätigte Fälle. Die mit statistischen Verfahren geschätzte Mortalität schwankt erheblich zwischen den Jahren. Sie lag zum Beispiel bei 22.900 in der Saison 2016/2017. Auch wenn ein Grippepatient nicht in eine Klinik eingeliefert wird, kann er in der Folge so schwere Komplikationen wie einen Myokardinfarkt oder einen Schlaganfall entwickeln [3].
  • Asymptomatisch: Die Influenza kann auch atypische Symptome aufweisen, was vor allem betagte Patienten betrifft. So bleiben diese oft ohne Fieber, was wahrscheinlich auf altersbedingte immunologische Veränderungen zurückzuführen ist. Auch bei gesunden Erwachsenen kann eine Grippe-Infektion asymptomatisch verlaufen oder mit nur leichten Symptomen wie Rhinorrhoe oder leichtem Husten verbunden sein.
  • Risiko für Kinder: Auch bei jungen Patienten kann die Grippe einen schweren Verlauf nehmen, was durch eine durchschnittliche jährliche Krankenhaus-Aufenthaltsrate von 0,9 pro 1.000 infizierte Kinder, etwa 50 bis 95 ambulante Klinikkontakte und 6 bis 27 Notaufnahmebesuche pro 1.000 Kinder belegt wird [4].

Irrtum 2:
Eine Grippe ist nur ansteckend, wenn die infizierte Person symptomatisch ist.

Die Grippe wird in erster Linie von Mensch zu Mensch übertragen. Die Viren verbreiten sich durch Tröpfcheninfektion beim Husten, Niesen oder auch beim Sprechen. Die Tröpfchen können dann eingeatmet werden und auf die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen gelange.

  • Auf Schmierinfektion hinweisen: Vielen Patienten ist nicht klar, dass nicht nur durch ein direktes Anhusten oder Niesen ein Virus einen neuen Wirt findet. Häufig erfolgt die Infektion nach Berührung keimbehafteter Gegenstände oder Schleimhäute über die Hände und Finger, etwa wenn man sich die Augen reibt.
  • Ansteckung durch „Gesunde“: Obwohl eine Übertragung am wahrscheinlichsten ist, wenn die infizierte Person Symptome zeigt, spricht eine Reihe von Daten dafür, dass die Ausbreitung über asymptomatische Personen eine Rolle bei der Verbreitung der Grippe spielt. Das Influenza-Virus ist in den oberen Atemwegen und im Nasopharynx von infizierten Personen bereits mehrere Tage vor dem Ausbruch der Symptome nachweisbar.
  • In einer Studie aus Hongkong wurde zwischen 2008 und 2014 eine Kohorte aus 824 Haushalten verfolgt. Die Untersucher identifizierten dabei 224 Fälle von Influenza, mit der sich Patienten zu Hause angesteckt haben, und erkundete den Zusammenhang zwischen Symptomen und Virus-Ausscheidung (anhand von Nasen- und Rachenabstrichen). Die Virusabgabe von asymptomatischen Trägern variierte je nach Grippestamm. Bei Influenza-A-infizierten Personen wurde bereits vor Beginn der Atemwegsbeschwerden eine Virus-Ausscheidung festgestellt, die ihren Höhepunkt jedoch in den ersten 2 Tagen der klinischen Erkrankung erreichte. Bei der Influenza B hatte die Virusausscheidung bis zu 2 Tage vor Beginn der Symptome ihren Peak. Dies belegt eine mögliche Übertragung des Influenzavirus bereits in der präsymptomatischen Erkrankungsphase.
  • Leichte Symptome ernst nehmen: Die Influenza ist im Nasopharynx asymptomatischer Personen eindeutig nachweisbar, doch es gibt Diskussionen darüber, wie stark die Virusausscheidung und damit die Übertragungsgefahr dadurch ist (siehe oben). In der Praxis sollte man daher lieber davon ausgehen, dass spätestens bei leichten Symptomen, etwa einer Rhinorrhoe, ein Patient bereits das Virus – unwissentlich – verbreiten kann. So kann etwa eine asymptomatische Person mit nachweisbarem Virus in den oberen Atemwege das Virus unwissentlich auf andere übertragen.
  • Großzügige Krankschreibungen: Ärzte plädieren in der Regel dafür, dass eine infizierte Person mit einsetzender Symptomatik den Kontakt zu Personen aus Hochrisikogruppen meiden sollte, indem sie der Arbeit fern und zuhause bleibt. Doch setzt sich dies einfach nicht durch. Die Daten zeigen immer wieder, dass selbst Menschen, die im Gesundheitsbereich tätig sind, mit einer klassischen grippeähnlichen fieberhaften Erkrankung (d.h. einer weitaus schwereren Erkrankung als einer leichten oberen Atemwegssymptomatik) typischerweise weiterarbeiten [6,7,8,9]. Es ist unrealistisch zu erwarten, dass Menschen mit leichten Atemwegssymptomen der Arbeit fernbleiben und das Haus nicht verlassen.

Irrtum 3: Ich hatte noch nie die Grippe, also brauche ich auch keinen Grippeschutz.
Dieses häufige Argument gegen eine Grippeimpfung existiert in unterschiedlicher Form: „Ich ernähre mich gesund“, „Ich treibe regelmäßig Sport“, „Ich wasche mir oft die Hände“, „Ich lasse mich nie impfen und war noch nie grippekrank“. Dies sollten Sie Ihren Patienten darauf antworten:

  • Nie „nie“ sagen: Nur weil jemand noch nie eine Grippe hatte, bedeutet das nicht, dass er sich in Zukunft nicht anstecken kann. Selbst gesunde Menschen, ohne Grunderkrankungen, können sich mit dem Grippevirus infizieren und schwer erkranken, wie die Morbiditätsraten während der H1N1-Grippe-A-Pandemie im Jahr 2009 zeigten.
  • Sicherheitsgedanken fördern: Der Sinn einer Grippeimpfung lässt sich unter anderem mit folgender Analogie erklären: Die meisten Menschen, die im Auto keine Sicherheitsgurte anlegen, hatten noch nie einen Autounfall. Trotzdem bezweifelt niemand, dass es besser ist, Sicherheitsgurte anzulegen, um das Risiko von Verletzungen und Tod im Falle eines Unfalls zu verringern.
  • Empfehlen statt Fragen: Die Akzeptanz des Grippeimpfstoffs hängt auch davon ab, in welcher Form Ärzte mit ihren Patienten über eine jährliche Grippeimpfung diskutieren. Oft werden Patienten gefragt: „Möchten Sie eine Grippeschutzimpfung?“ Man vergleiche dies mit der Diskussion über andere wichtige Medikamente. Man fragt Diabetespatienten auch nicht, ob sie Insulin einnehmen möchten, sondern empfiehlt Insulin als wichtige medizinische Behandlung. Ebenso sollten wir die Patienten nicht fragen, ob sie den Grippeimpfstoff wollen, sondern die jährliche Grippeimpfung dringend empfehlen.

Irrtum 4: Man kann eine Grippe nicht verhindern.
Die Wahrscheinlichkeit einer Grippeinfektion lässt sich durch viele Maßnahmen verringern:

  • Handhygiene, richtige „Hustenetikette“, Atemwegshygiene und die Meidung kranker Personen, sind sehr wichtige Vorsichtsmaßnahmen.
  • Die Impfung ist ein weiteres wichtiges Instrument zur Prävention der Grippe. Das Schutzniveau des jährlichen Impfstoffs schwankt und wird u.a. von Faktoren wie dem aktuell zirkulierenden Stamm, der Impf-Vorgeschichte des Empfängers und seinem Immunstatus beeinflusst. Im Durchschnitt erreicht der Impfstoff bei Erwachsenen im Alter von 18 bis 65 Jahren eine Effektivität von 59% und bei älteren Patienten von 20% bis 44% [10,11]. Daher ist der Schutz nicht vollkommen, doch die Impfung verhindert immer noch in hoher Zahl Krankheitsfälle und Krankenhausaufenthalte.
  • Antivirale Medikamente wie Oseltamivir und Zanamivir (zur Inhalation) können auch zur Chemoprophylaxe eingesetzt werden. Rimantadin und Amantadin werden heute nicht mehr empfohlen, da sich bei vielen zirkulierenden Grippestämmen eine Resistenz gegen diese Substanzen entwickelt hat.
  • Für Senioren: Am häufigsten kommen antivirale Wirkstoffe in Alten- und Pflegeheimen zum Einsatz, wenn eine Weiterverbreitung nach der Identifizierung eines Influenzafalles verhindert werden soll.
  • Dieser Ansatz kann auch in Familien verfolgt werden, vor allem wenn Familienmitglieder mit hohem Risiko Gefahr laufen, sich anzustecken.

Zusammengefasst

  • Die Grippe kann sich zu einer schweren und lebensbedrohlichen Krankheit entwickeln. Es kann jeden betreffen, doch sind Personen mit Vorerkrankungen, Schwangere, kleine Kinder und alte Menschen in besonderem Maß gefährdet.
  • Die Grippe ist leicht übertragbar.
  • Die Übertragung kann bereits vor einem Ausbruch der Symptomatik beginnen.
  • Infizierte Personen können zudem atypische Symptome oder auch gar keine Symptome aufweisen.
  • Antivirale Wirkstoffe und Impfungen sind wichtige, aber unvollkommene Präventionsmethoden und sollten mit den basalen Maßnahmen zur Infektionsprävention kombiniert werden, um eine Ausbreitung dieser oft gefährlichen Erkrankung weitestmöglich zu verhindern.

Referenzen:

  1. Centers for Disease Control and Prevention. 1976-2007. MMWR Morb Mortal Wkly Rep. 2010;59:1057-1062.
  2. Thompson WW, et al: JAMA. 2004;292:1333-1340.
  3. Smeeth L, et al: N Engl J Med. 2004;351:2611-2618.
  4. Poehling KA, et al: N Engl J Med. 2006;355:31-40.
  5. Ip DK, et al: Clin Infect Dis. 2016;62:431-437.
  6. Jena AB, et al: Arch Intern Med. 2012;172:1107-1108.
  7. Widera E, et al: Journal of general internal medicine. 2010;25:1244-1247.
  8. Jena AB, et al: JAMA. 2010;304:1166-1168.
  9. Ng TC, et al: Infect Control Hosp Epidemiol. 2009;30:292-295.
  10. Osterholm MT, et al: Lancet Infect Dis. 2012;12:36-44.
  11. Darvishian M, et al: Lancet Respir Med. 28. Feburar 2017 (online)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.